Entzugserscheinungen

Dieser Blogeintrag wird vermutlich etwas albern. Aber ich schreibe ihn dennoch. Meine Freundin war gestern zu Besuch und meinte „du bist irgendwie komisch. Du warst Samstag schon so anders“. Was meint sie damit?

Ich habe beschlossen in meinem/unserem Leben ein paar Veränderungen vorzunehmen weil einiges einfach nicht mehr so ganz rund lief. Ich denke öfter über unser Familienleben oder meine ganz privaten Bereiche nach und wenn mich dann etwas stört, versuche ich es zu verändern.

1. Ernährung
Mein liebes Töchterlein hat sich die letzten Monate zu einem richtigen „ichwilldasnichtessen“-Kind entwickelt. Das wurde immer schlimmer. Im Kindergarten bekommt sie sehr gesundes, frisch, saisonal zubereitetes Essen wofür wir auch gut Geld zahlen. Nur hat sie irgendwann gar nichts mehr gegessen. Sie sucht sich dort eine Sache vom großen Ganzen aus, dass ihr schmeckt und für den Moment erstmal den größten Hunger sättigt. Zum Beispiel Backerbsen. Die Gemüsesuppe verschmäht sie dann. Dieses Verhalten hat sie dann auf zu Hause übertragen und sie hat immer weniger gegessen. Am Nachmittag hatte sie natürlich immer unterirdische Laune. Klar, wenn ich im Unterzucker bin geht bei mir auch nicht mehr viel. Dann haben wir ja fast jeden Nachmittag Verabredungen mit ihren Freunden. In der Krabbelgruppe, bei jemanden zu Hause oder auf dem Spielplatz. Und leider gar es sich so eingeschlichen, dass man vorher mal den Schlender zum Bäcker macht. So hat sie sich jeden Nachmittag dann von Brezel oder Hörnchen ernährt. Mir fiel das schon auf, also ging ich ein Zeit mal nicht zum Bäcker. Das änderte aber nicht viel, weil sie eben von den anderen Kindern was abbekommen hat. Die Konsequenz dessen war übrigens, dass sie abends wieder nichts gegessen hat, weil sie war ja satt. Ich habe schon immer wieder versucht ihr mal was gesundes anzubieten. Aber nein. Ihre Erfahrung hat ja gelernt, sie bekommt schon was anderes. Das hat sich alles so nach und nach eingeschlichen und es brauchte seine Zeit und ein klärendes Gespräch mit dem Kindergarten, bis ich mir das alles erstmal bewusst gemacht habe. Ich entschied dann, dass ich jetzt ganz konsequent ihr nachmittags nur gesundes anbieten werde. Als wir dann vor zwei Wochen alle auf dem Spielplatz saßen, fragte sie mich nach Keksen, sie habe Hunger. Da nutzte ich dann auch die Anwesenheit aller Eltern und packte Birne und Trauben aus und bot sie ihr an. Ich erklärte ihr, dass es nun nachmittags nichts mehr zum naschen und auch nichts vom Bäcker gäbe. Wenn sie Hunger hat könne sie das essen, ich würde ihr aber auch empfehlen sich im Kindergarten wieder satt zu essen. Alle Eltern schauten mich an wie ein Auto. Mein Kind legte zudem auch noch einen richtigen Heulanfall hin. Sie tobte, rotzte und schrie sie habe Hunger. Den anderen Eltern erklärte ich später meine Gründe und bat sie uns bei dem Vorhaben zu unterstützen.
Nach zwei Wochen bin ich sehr erstaunt über die Erfolge. Als erstes habe ich gemerkt, wie viel sie plötzlich abends isst. Da gibt es meistens Brotzeit und ich habe gemerkt, dass sie gerne Kresse isst und bereite ihr meist Kressebrote zu und schneide Gurkenscheiben. Die mochte sie immer schon. Und da sie ja richtig Hunger hatte, hat sie nun endlich ordentlich gegessen. Auch im Kindergarten hat sie ab dem folgenden Tag plötzlich alles probiert und so einiges neue gerne gegessen, was sie vorher abgelehnt hätte (z.B. Kohlrabikartoffelpuffer). Mag sie etwas absolut gar nicht, wärmen sie ihr etwas gesundes vom Vortag auf. Ich hole endlich ein sattes Kind ab! Und am Nachmittag hat sie nun schon etwas zögerlich, aber ganz gerne zum Apfelteller gegriffen. Am Spielplatz teilte sie sich mit ihrem Freund Nüsse und als dieser dann noch Kekse bekam und sie zugreifen wollte verbot ich es ihr. Klingt erstmal hart. Aber ich will nicht sofort mit Ausnahmen beginnen. Sie soll sich meiner Konsequenz klar sein. Allerdings habe ich ihr beim Ausflug in den Wildpark, nachdem sie ihr Kressebrötchen gegessen hat, auch sehr gerne ein Eis gekauft. Ich bin ja kein Unmensch.

2. Weniger Arbeit im Haushalt und Nähpause
Wie im letzten Blogeintrag schon angedeutet, habe ich das Gefühl die letzten Wochen zuviel gearbeitet zu haben. Auch das ständige konzentrierte Arbeiten an der Nähmaschine laugte mich aus. Ich nutzte wirklich jede freie Minute zum nähen. Ich räumte/saugte jeden Morgen die Wohnung kurz, nähte dann 2-3 Stunden, kochte, aß, räumte die Küche wieder auf, holte die Große vom Kindergarten wieder ab. Nebenbei habe ich mich natürlich noch um meinen Sohn gekümmert. Aber er ist recht friedlich und zufrieden. Außerdem schläft er vormittags manchmal 3 Stunden. Für mich ist das Nähen wie eine Sucht. Nur noch die Hose, nur noch säumen, schnell noch was zuschneiden, dann will ich aber sehen, wie es fertig ausschaut… Allerdings habe ich auch etwas für einen Marktstand produziert und es war eine Ausnahmesituation. Mein Mann macht sich immer drüber lustig wenn ich abends ankündige „morgen mach ich mal nichts!“. Weil irgendwie habe ich es verlernt nichts zu machen. Als Teenager konnte ich das wunderbar. Aber je älter ich wurde, mit jeder neuen Wohnung mit den beiden Kindern wurde es immer schlimmer. Meine Eltern sind auch solche Workaholics und da habe ich wohl was von geerbt. Letzte Woche wollte ich dann nur schöne Sachen machen. Naja. Es ging. Dennoch startete ich dann lustige Großeinkäufe, schleppte Blumenerde, bepflanzte meinen Garten, bügelte,… also hab ich es dann diese Woche nochmal versucht, dieses nichts tun.
Es ist hart. Echt wahr! Ich liege im Wohnzimmer auf der Couch und starre Löcher in die Luft. Dann sehe ich lauter unordentliche Regale, staub, schmutzige Fenster, Fettflecken auf dem Edelstahl, im Bad starrt mich das schmutzig Waschbecken an und so weiter. Ich machte also immer mal Kleinigkeiten wie Osterdeko abhängen, die Spüle sauber wischen, einen Küchenschrank aufräumen. Aber echt nicht viel. Gestern brachte die Post neue Reifen und Schläuche für das gebraucht gekaufte Laufrad. Das hatte dringend einen Austausch nötig und ich hatte keine Ahnung davon. Aber es gibt ja viele schlaue Videos im Internet und so machte ich mich gestern ans Werk. Einmal warf ich alles frustriert in die Ecke, aber zum Schluß sah es richtig toll aus und es macht mich stolz und zufrieden. Mein Mann musste allerdings sehr schmunzeln was aus meinem nichtstun geworden ist. Aber ich habe nichts im Haushalt gemacht und nicht genäht. Und weil es mir so viel Freude bereitete, habe ich heute gleich den neuen Fahrradständer und einen Fahrradkorb an meinem Rad angebracht.
Ich fühlte mich gestern Abend schon etwas ausgeruhter. Aber ich arbeite dran, mich mehr zu erholen und mehr zu genießen. Wobei arbeit mir ja anscheinend Spaß macht. Ach halt, das kann ich so nicht stehen lassen, sonst denkt mein Mann wieder putzen wäre mein Hobby. Es gibt nämlich Sachen die ich gerne mache und welche die ich mache, weil ich das Ergebnis mag.

3. Handyverhalten
Oh man. Vor zwei Jahren habe ich schon mal 4 Wochen komplett auf mein Smartphone verzichtet. Nach einem Tag Entwöhnung ging das echt gut. Aber gerade in letzter Zeit finde ich meine Handydaddelei echt selber ätzend. Also habe ich beschlossen hier neue Regeln für mich aufzustellen. Ich nehme es einfach nicht mehr ständig mit von Raum zu Raum. Ich habe beim größten Zeitfresser Twitter erstmal pausiert. Ich nehme es nicht mehr mit ins Bett. Wenn ich mit meinen Kindern/Mann zusammen bin, schaue ich zwar gelegentlich mal drauf, aber halte es nicht mehr länger in der Hand.

Das klappt gut. ich fühle mich besser und zufriedener.

So. Nun aber zur Eingangsfrage. Warum bin ich komisch?
Weil ich Entzugserscheinungen habe. Klingt echt seltsam. Aber ich hänge hier total doof rum, zitter teilweise oder bin tollpatschig ohne Ende. Gestern habe ich doch heimlich eine ganze Packung Schokolade gegessen. Einfach so und heimlich, damit die Große das nicht merkt. Einmal habe ich Material für eine neue Kappe zugeschnitten und es fällt mir so schwer diese nicht zu nähen. Ich ertrage das nichtstun kaum und suche mir doch ständig andere Sachen die ich erledigen kann und muss mich echt an diese Neuerungen gewöhnen.

Ach und ich habe mit meinem Mann lange überlegt, wie ich endlich zu meinem Feierabend komme und wir haben weitere Sachen durchgesprochen, die wir verändern wollen. Ich bin gespannt. Auf jeden Fall lohnt es sich immer wieder seine Gewohnheiten zu reflektieren und zu verändern.

Nun aber mal raus in die Sonne! Ich habe nämlich ein neues Hobby: das Rad fahren mit dem Baby hinten drauf, während die Große neben mir her mit ihrem Laufrad fährt. Macht ziemlich Spaß und mal schauen, ob ich mit dem Sohn mal alleine ein paar richtige Touren starten werde.

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2 Gedanken zu “Entzugserscheinungen

  1. Nein, ich finde es kein Stück albern, ich finde es viel mehr genial, weil es mir so aus dem Herzen spricht.
    Ok, einfach mal nichts tun kann ich fast zu gut, aber geade den Ernährungspunkt finde ich klasse, vorallem das Du es auch so durchgezogen hast. Das finde ich nämlich total schwer, wenn z.B. der Eismann jeden Nachmittag die Spielplätze anfährt und alle Eis essen dann zu sagen heute nicht für uns. Ich habe nichts gegen naschen, aber ich finde es muss nicht jeden Nachmittag Kekse und Eis zusammen sein.
    Das Handy liegen zu lassen, das ist mir anfangs echt schwer gefallen und auch heute erwische ich mich immer wieder dabei wie ich eben mal schnell nur gucken wollte und schon wieder eine Viertelstunde vergangen ist.

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