Geburtsbericht vom kleinen Weltmeister

Am frühen Abend war ich irgendwie verstimmt. Ich fühlte mich nicht mehr im Gleichgewicht. Ich wollte raus, mich bewegen. Eigentlich hatte ich einen schönen Spaziergang mit meiner Familie geplant, aber Rumpelina war sehr anstrengend und fordernd. Sie motzte herum und war „müüüüüde“. Also entschied ich kurzerhand alleine zu gehen. Planlos ging ich in Richtung Wald. Es war so ein toller Moment. Diese Ruhe, die Luft, die Natur. Ich ging immer weiter, bis zu den Feldern und ruhte mich auf einer Bank aus, machte noch ein paar Fotos von mir und meinem Bauch. Sprach dem Baby aufmunternd zu, es darf jederzeit kommen. Irgendwann schaute ich auf die Uhr und stellte fest, wenn ich bis zum Anpfiff pünktlich zu Hause sein möchte, muss ich mich beeilen. Insgesamt lief ich fast 6 Kilometer! Nach dem Spaziergang war ich wieder im Gleichgewicht und sehr glücklich. Zu Hause ging das Kind ausnahmsweise mal alleine ins Bett – ich staunte als sie mir freiwillig ein Küsschen gab und gute Nacht rief. Braves Kind! So konnten der Mann und ich uns in Ruhe das spannende Finale anschauen. Hin und wieder verspürte ich eine leichte Wehe.

23.36 Uhr Abpfiff. Deutschland ist Fußball Weltmeister 2014 in Brasilien. Als großer Fußballfan habe ich alle Spiele gesehen und fieberte dem Finale entgegen. Das wir in dieser Nacht noch unser ganz persönliches Weltmeisterbaby bekommen sollten ahnte ich noch nicht. Vielleicht ein bisschen, so ganz tief in mir. Wir schauten noch die Nachberichte, die Siegerehrung, die Interviews und alles was dazu gehört an. Ich hatte unregelmäßige leichte Wehen. Aber das ist ja nichts neues. Die hatte ich auch schon die Abende vorher gehabt.

01.15 Uhr Mein Darm entleert sich auf natürlichem Weg. Ein Zeichen für die baldige Geburt? Wir tragen das Reisebett mit dem schlafenden Kind ins Kinderzimmer. Im Schlafzimmer zünde ich eine Kerze an und hole mir den Gymnastikball. Ich beschließe trotz leichter Wehen schlafen zu gehen um für den Fall der Geburt noch genug Kraft zu tanken. Im Halbschlaf bemerke ich regelmäßige Wehen. Atme tief in mich und bin ganz ruhig und tief bei mir und dem Baby.

2.15 die Wehen werden stärker. Ich stehe auf, und veratme die ersten heftigeren Wehen im Stehen. Ich empfinde sie als schmerzhaft und schnell nacheinander kommend. Ich wecke den Mann, der gerade auf der Couch eingeschlafen ist. Ich lasse mir ein Bad ein. Währenddessen werde ich förmlich von den Wehen überrollt. Eine Wehe jagt die nächste. Es gibt kaum Pausen. Die Aufzeichnungen der Wehen-App zeigen  ca. 90 Sekunden Pause. Manchmal 2 Minuten.

02. 30 ich lege mich in die Wanne. Der spannende Moment, ob die Wehen bleiben werden oder nicht machte sich in mir breit. Aber nicht lange, denn es ging noch intensiver weiter. Wehe um Wehe. Ich hatte keine Möglichkeit der Erholung. Schnelle Lagebesprechung mit dem Mann.

02.49 Der Mann ruft meine Eltern an „sie wollen geweckt werden?! Wir denken es geht jetzt los und die Wehen gehen wohl nicht mehr weg. (…) Ja super. Bis gleich dann„. Ich wehte unterdessen weiter in der Wanne und machte mir etwas Sorgen, weil die Abstände so kurz waren und die Wehen so heftig. So war das bei Rumpelinas Geburt aber nicht! Da hatte ich viel mehr Zeit und überhaupt. Was geht hier gerade vor?

02.59 Der Mann wählt die Nummer der Hebamme, die heute Nacht Rufbereitschaft hat. Er erzählt was von 3-Minuten Abständen. Ich liege da und denke „Waaas?! Das stimmt nicht!“ Ich konnte hören, wie die Hebamme erklärt, dass sie schon bei einer anderen Frau ist, bei der die Wehen eingesetzt haben. Sie informiert eine weitere Hebamme (die keine Rufbereitschaft hat wohlbemerkt).

03.04 Meine Hebamme, die auch zur Nachsorge zu mir kommen wird meldet sich telefonisch. Sie war sofort wach und bei vollem Verstand. Der Mann faselte schon wieder was von „er glaubt es wird ernst, die Wehen sind schon stark…ja so alle 2-3 Minuten…“ ich tönte derweil doch hörbar vor mich her und wir überlegten wie wir jetzt vorgehen werden. Meine Eltern hatten mit Aufstehen ungefähr eine Stunde Zeit bis sie bei uns sind. Wir brauchen ca. 15 Minuten ins Geburtshaus. Also schlug ich wahnwitzig vor, wir treffen uns dort in einer Stunde. Die Hebamme hört sich aber meine nächste Wehe an entscheidet, dass sie vorher zu uns nach Hause kommt und gegebenenfalls mit mir schon mal los fährt.  Ich steige aus der Wanne, trockne mich ab, ziehe mir ein Shirt über, werfe ein großes Handtuch aufs Bett und gehe dort in den Vierfüßler. Ich jammerte, schrie, tönte, keine Ahnung…ich versuchte irgendwie mit den Wehen klarzukommen fühlte mich aber gnadenlos ausgeliefert, da ich einfach keine Pause hatte. Ich sagte immer wieder, „das kann doch nicht sein!„.

03.30 meine Hebamme klingelt, stürmt zu mir ans Bett und ruft „Du powerst hier gerade dein Kind raus! Wenn ich mich dir so ansehe, können wir sofort los! Oder willst du das Kind hier bekommen?„. Ich konnte mir eine Autofahrt auch beim besten Willen nicht mehr vorstellen und meinte „mhmmm…„. Ich bat um eine schnelle Untersuchung des Muttermundes, weil ich nicht im Auto Presswehen bekommen wollte. Sie untersuchte mich in der nächsten Minipause und meint „6cm. Dann fahren wir sofort los!„. Sie half mir irgendwie in meine Hose und ich hängte mich bei der nächsten Wehe an ihren Hals. Wir schafften es im Eiltempo die Treppen runter und stiegen nach einer Wehe im Hof schnell ein. Zeit für ein Handtuch oder eine wasserdichte Unterlage haben wir nicht mehr als ich an die Fruchtblase dachte. Oben auf dem Bett hatte ich einen hohen Blasensprung, der nur wenig Fruchtwasser (zum Glück klar!) auf dem Handtuch hinterließ.

03.52 Wir fahren los. Unterwegs telefoniert meine Hebamme mit zwei weiteren Hebammen. In der Weltmeisternacht ist richtig viel los im Geburtshaus. Es wird eine dritte Hebamme informiert, die dann gleich zur Geburt ins Geburtshaus kommen soll. Meine Hebamme rast durch die Nacht. Es hatte vorher geregnet, die Luft war herrlich rein gewaschen, plötzlich war eine längere Pause. Wir witzelten, dass wir um die Uhrzeit zum Glück nicht im Autocorso stecken bleiben werden. Aber was wäre ein paar Stunden vorher gewesen?! Ich entschuldigte mich für meinen späten Anruf und versuchte irgendwie zu erklären, dass alles von einen auf den anderen Moment so schnell gegangen wäre. Das sei bei meiner Großen ganz anders gewesen. Sie lächelte nur. Dann kam eine weitere Wehe und allein am Tönen wusste meine Hebamme, dass das nun die erste Presswehe war und gab noch etwas mehr Gas. Da bogen wir auch schon in die richtige Straße ein.

04.05 Sie stellte sich auf den Gehsteig, sprang raus, schloß die Türe auf und holte den Aufzug während ich eine weitere Presswehe versuchte ohne pressen zu veratmen. Meine Hebamme war sofort wieder bei mir und zack waren wir im Aufzug. Ich witzelte schon wieder (Humor ist schließlich wichtig!), dass ich bei dieser Entbindung immerhin nicht stundenlang Treppen steigen muss. Nächste Presswehe. Ich ging schon leicht in die Knie. Raus aus dem Aufzug und noch 8 kleine Treppenstufen. Ich hatte keine Idee wie ich die bewältigen sollte. Während einer Presswehe klammerte ich mich am Geländer fest, kroch irgendwie fast auf allen Vieren hoch und betrat das Geburtshaus. Meine Hebamme half mir nebenbei aus der Hose, warf mir eine Matte vors Bett und zack durfte ich endlich pressen. In der kurzen Pause fragte sie, ob sie meinen Mann anrufen soll. Ich lachte nur „was soll das bringen?“ und stellte mich darauf ein unser Kind ohne ihn auf die Welt zu bringen. Wie ein Wunder klingelte es da und meine Hebamme verschwand um ihm die Türe zu öffnen. Er raste die Treppen hoch, setzte sich aufs Bett, nahm meinen Kopf auf den Schoß.

04.12 Meine Fruchtblase entleerte sich komplett und mit der nächsten Wehe wurde der Kopf geboren. Dann erhielt ich noch Anweisung mich hinzustellen, mein Becken zu kippen und mit der nächsten Wehe kam dann unser Kind auf die Welt. Die letzte Übung diente dazu die Nabelschnur besser zu entwirren und die Schulter besser aus dem Becken zu bringen. Meine Hebamme wusste jederzeit was sie tat und ich liebte sie abgöttisch in diesem Moment!

Da lag dann unser Kind, blutverschmiert vor mir auf dem Boden. Meine Hebamme sagte erst „ich leg sie dir hier hin, ach nein, es ist ja ein Junge!„. Ein Junge, mein Sohn! Ich hatte die letzten Tage immer wieder von einem Sohn geträumt und die Rumpelina war von Anfang an fest davon überzeugt, dass sie einen Bruder bekommt. Wie wundervoll!

Wir zogen um aufs Bett und ich bekam meinen Sohn auf den Bauch gelegt. Die Nabelschnur war ziemlich kurz und hat vermutlich die Plazenta mit gelöst. Denn die wollte sofort hinterher. Diese Wehen empfand ich als sehr schmerzhaft und schaffte es nicht erneut zu pressen. So nabelten wir erstmal ab, gaben dem Papa seinen Sohn in den Arm und meine Hebamme half mir noch die Plazenta auf die Welt zu bringen. Ich dachte ernsthaft ich bekomme noch ein Kind. „Zwillinge?! Das müssen Zwillinge sein!!“ rief ich immer wieder bis auch die Plazenta draußen war und ich erschöpft und glücklich ins bequeme Bett fiel. Ich bekam meinen Sohn zum ersten stillen an die Brust und bestaunte unser großartiges zweites Wunder. Wir sind jetzt 4!!!

Dann durften wir in Ruhe kuscheln. Ich hörte noch wie die dritte Hebamme, die ja bei der Geburt dabei sein sollte kam. Wenig später traf die andere wehende Frau ein und bezog das andere Geburtszimmer. Gerade frisch entbunden mag man diese Geräusche übrigens ganz und gar nicht hören! Ich hatte so ein Mitleid mit der armen Frau. Zum Schluss wurde diese übrigens ins Krankenhaus verlegt, weil es im Geburtshaus nicht mehr ging. Sehr schade. Irgendwann wurde die U1 mit hervorragenden Werten gemacht, unser kleiner Mann war quietschfidel und alles in bester Ordnung! Welch Erleichterung. Die Hebammen schauten sich an, ob meine Geburtsverletzung genäht werden sollen oder nicht und man entschied sich schließlich für eine rein kosmetische Naht an der einen Schamlippe. Der Damm hat diesmal zum Glück gehalten! Juhu! Ich bekam noch ein Stück Plazenta zum essen gegen die Nachwehen und meine vegane Hebamme meinte „Du bist echt ne harte Sau!„. Dann ging ich duschen und bekam noch ein paar Kekse zu essen, bevor wir uns alle anzogen und schon abmarschbereit waren. Im Auto rief ich meine Mama an, dass wir in 3 Minuten da sind. Verschlafen meinte sie „ihr seid so schnell!!“. Aber es passte genau, denn es war kurz nach sieben, die Aufstehenszeit der großen Tochter. Sie stand schon am Fenster und beobachtete uns beim aussteigen. Sie stand dann mit nackigem Bauch an der Türe und interessierte sich ausschließlich für ihren neuen, kleinen Bruder.

Eine wirklich wunderbare, turbulente, für mich doch einen ticken zu schnelle Geburt haben wir da in der Nacht vollbracht. So schrieb ich etwas später, dass unser Sohn nach gewonnener Weltmeisterschaft zu uns stürmte. Vielleicht wird er ja mal ein kleiner Fußballer?!

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6 Gedanken zu “Geburtsbericht vom kleinen Weltmeister

  1. Gänsehaut pur!
    Und auf die letzten Zeilen noch ein paar Tränchen wegzukniepern… Deine Tochter am Fenster, wie süß ist das denn bitte? !

    Da hat sich die ganze “Vorarbeit” doch gelohnt, oder nicht?
    Ich kann gut nachvollziehen, dass es Dir etwas zu schnell ging (auch ich vermisse es im Nachhinein ein wenig, mich nicht richtig habe darauf einstellen zu können). Aber das ist nun relativ, Hauptsache gesund!
    Ich habe zufällig heute morgen nochmal meinen Geburtsbericht vom Junebug gelesen – und auch Deinen Kommentar dazu. Wie Du siehst, ging Dein Wunsch in Erfüllung!
    Weiterhin alles Gute im Wochenbett!

  2. Oh Wow, die Nacht war wirklich weltmeisterlich und das mit der Rumpelt ist echt süss. Das Bild von dem kleinen ist auch herzig, Neugeborene sind einfach so speziell schön zum knuddeln ❤

  3. Oh, was für ein Gänsehautbericht. So schön! Dann hast du wohl mit dem tagelangen Vorgewehe und langem Spaziergang gute Vorarbeit geleistet. Ich werde definitiv nicht mehr so viel gehen können vor der Geburt, es fällt mir schon jetzt schwer. Aber ich bin zuversichtlich, dass es auch so schnell geht, denn ich habe auch so einen „Übungswehen“-Körper. 😉 Bei der Prinzessin hat es von „Ich glaube diese Wehen sind echte Geburtswehen.“ bis zur Geburt auch nur 7 Stunden gedauert. Ein bisschen mehr Zeit als du wünsche ich mir aber schon. 😉

    Herzlichen Glückwunsch noch mal zu dieser Meisterleistung! Der kleine hat so einen wunderschönen runden Hinterkopf, dass ich erst dachte, der kam bestimmt in BEL wo wie die Pinzessin. Aber du hast ihn wohl einfach ziemlich rasant durch dein Becken gepresst. 😉

    Und wie fühlt sich das so an als Jungsmama? Ich bin neugierig auf deine zukünftigen Berichte und gleichzeitig unheimlich vorfreudig auf Oktober. ^^

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